von Hans Peter Flückiger - Meine Ur-Ur-Grossmutter schrieb am 10. September 1874


Das Tagebuch meiner Ur-ur-Grossmutter Elise

Sonntag, 29. November 1874

Eigentlich würde ich mich jetzt gerne für einen Augenblick hinlegen. Das ist ja bloss sonntags möglich, wenn man die nötigsten Arbeiten im Haus innert sechs, sieben Stunden zu erledigen vermag. Fürs Frühstück das Habermus kochen, zum Mittagessen Kartoffeln, Gemüse und weil Sonntag ist noch ein Stück Fleisch obtun, zum Abendessen die Resten aufwärmen … nicht zu vergessen im Hühnerstall das Eiereinsammeln, das Holz holen, Wasser kochen. Neben dem Unerwarteten, das einem immer wieder überrascht. Etwa, wenn die Nachbarsherren zu meinem Herrn Gemahl kommen, um zu Politisieren. Da muss man auch wieder auftragen. An einem Sonntag geht es auch nicht ohne Gottesdienstbesuch. Inklusive einem je gut halbstündigen Fussmarsch in die Kirche und zurück. Das ist natürlich nicht Arbeit, sondern Christenpflicht. Aber trotzdem, Zeit braucht es auch. Und was ich heute dort wieder einmal zu hören bekam. Selbst der anstrengende Heimweg bergauf hat nicht gereicht, um allen Dampf abzulassen.

     Deshalb sitze ich hier in der besseren, geheizten Stube am Tisch und liege nicht mit hochgelagerten Beinen auf der Récamiere neben dem Kachelofen. Vor dem Fenster verursacht der Wind einen Schneeflockentanz. Frau Holle schüttelt die Bettdecke aus, pflegt der Volksmund da zu sagen. Entsprechend ist es schon inmitten des Nachmittags dämmerig. Neben dem Ärger im Bauch ein weiterer Grund, schon jetzt zum Federhalter zugreifen um den Frust im Tagebuch loszuwerden. Wenn die Arbeit erledigt ist und die Kinder im Bett sind im Schein der Öllampe noch etwas zu Papier zu bringen, vergiss es … So wie vorgestern. Damals bin ich mit den Gedankengängen zu Papier zu bringen auch nicht fertig geworden. Aber was solls, ich muss jetzt noch einmal zehn, zwölf Wochen zurückblättern. Zum 10. September 1874. Um diesen ging es heute in der Kirche.

 Nachtrag zum Donnerstag, 10. September 1874

    Es braucht seine Zeit, bis Nachrichten aus dem Ausland hier eintreffen. Deshalb verkündete Pater Brändli erst heute zum Schluss des Gottesdienstes, was sich am 10. September 1874 im Vatikan zugetragen hat. Und ich kann es noch immer nicht fassen, was Brändli verlesen hat. Papst Pius IX. habe an diesem Tag die Bulle «Non expedit» erlassen, was auf Deutsch sinngemäss «(es ist) nicht angebracht» heisst. Der Papst untersagt damit den italienischen Katholiken aktiv und passiv an den Wahlen des noch jungen Nationalstaates Italien teilzunehmen. Dies als Höhepunkt einer Eskalation, welche schon vor Jahren ihren Anfang genommen hatte.

     1870 besetzten Soldaten des zu einem Königreich vereinten Italiens in Rom den bisher unabhängigen Kirchenstaat und annektierten diesen gegen den Widerstand des Papstes. Pius IX. lamentierte, Gefangener im eigenen Land zu sein und tat seinen Unwillen wiederholt kund. So beispielsweise im Mai 1871 mit einer Enzyklika, in der er den italienischen Staat als Usurpator, als einer, der widerrechtlich die Macht an sich reisst, titulierte.

    Sollten meine Notizen früher oder später – bei Jahrgang 1841 wohl eher früher – jemandem in die Hände kommen, wird man sich über meinen Ärger möglicherweise wundern. Aber nichtsdestotrotz lieber (möglicher) Leser, liebe (mögliche) Leserin. Ich erkläre euch das gern. Wenn wir Frauen vom öffentlichen Leben noch immer ausgeschlossen sind, ist es nicht verboten, sich über das Weltgeschehen nah und fern seine Gedanken zu machen. Und wenn dieser Papst nun auf die absurde Idee kommt, den italienischen Katholiken zu verbieten, wählen zu gehen und sich wählen zu lassen, verstehe ich das nicht. Seit bald 100 Jahren – der Französischen Revolution – ist doch ein erfreulicher Gesinnungswandel in die Gänge gekommen. Die ständische Gesellschaft und das Gottesgnadentum sind Geschichte, Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit zumindest als Bekenntnis Tatsache. Und dann kommt dieser Papst und jammert, weil es nun auch bei ihm ans Eingemachte zu gehen scheint.

 

    1847 wurde Kardinal Giovanni Maria Mastai Ferretti 1847 eher unerwartet zum Papst gewählt und nannte sich Pius IX.. Ein frommer Seelsorger soll er gewesen sein, von der Politik aber restlos überfordert. Ich erinnere mich seit Kindsbeinen, dass seine Amtsführung hierzulande für Kopfschütteln sorgte. Auch bei meinem Vater, einem gläubigen Katholiken. Von Haus aus also eher ein Konservativer, verschloss er sich den gesellschaftlichen Neuerungen und Entwicklungen aber nicht. So hatte er absolut kein Verständnis dafür und regte sich mächtig darüber auf, als der neue Papst nach ersten liberalen Reformen beinahe schon reaktionär zu handeln begann. Die Kunde, dass er in Rom das jüdische Getto wieder aufbauen lasse und der Talmud wieder auf der Liste der verbotenen Bücher stehe, sorgte bei ihm und anderen für mehr als rote Köpfe. Und erst recht, als es während dem Pontifikat von Pius IX. zum letzten Mal in der Geschichte des Kirchenstaates zu Hinrichtungen kam.

     Nicht vergessen darf man auch die innerkirchlichen Drehs zum Machterhalt des Klerus. Beim ersten Vatikanischen Konzil brittelte Pius IX. das Petrusprimat und beanspruchte damit, der geistliche Führer aller Christen zu sein. Ebenfalls verfügte er bei der Gelegenheit die Unfehlbarkeit des Papstes bei Entscheidungen zur Glaubens- und Sittenlehre.

     So fertig gepoltert. Aber ehrlich gesagt, ich frage mich, wie die Welt aussähe, wenn wir Frauen mehr zu sagen hätten. Aber auch diesbezüglich ist man bei der Auslegung der Bibel erfinderisch, um das zu verhindern.

 

    Dazu muss ich doch noch einmal auf Pater Brändli zurückkommen, der kürzlich in dieser Sache ein «prächtiges» Exempel statuierte. Er predigte über die Maria von Magdala und nutzte die Gelegenheit, uns wieder einmal so richtig den Tarif durchzugeben. Eine üble Sünderin sei diese Maria gewesen. Sieben Dämonen habe ihr Jesus austreiben müssen. Und gemäss Thomasevangelium habe Simon Petrus sie gar aus der Mitte der Jünger wegschicken wollen. Frauen seien dessen nicht würdig. Worauf Jesus geantwortet haben soll, dass er sie männlich machen werde, denn jede Frau, wenn sie sich männlich mache, gehe ins Himmelreich ein.

     Schmarren kann man da nur sagen. Und die Hälfte der Geschichte hat er dabei erst noch unterschlagen. Die Begebenheit nach der Kreuzigung Jesu an Ostern auf den Friedhof. Wer war als erste dort und entdeckte das leere Grab? Und wem gab Jesus den Auftrag, den (männlichen) Jüngern mitzuteilen, dass er auferstanden sei? Maria von Magdala! Jetzt soll noch jemand sagen, dass wir Frauen nichts Wichtiges zu sagen hätten.

 

Geschrieben von: Hans Peter Flückiger

Webseite: www.geschichten-gegen-langeweile.com

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