Turnbeutelvergesser


Turnbeutelvergesser naja Absatz kaum etwas war so schlimm wie das: während die anderen Kinder Völker -oder Brennball spielen durften oder an archaischen Geräten herumturnten, musste einer mit langem Gesicht auf der Bank sitzen. Er hatte seine Sportbekleidung nicht dabei. Schnell war der ungute Ruf des Turnbeutelvergesser besiegelt. Weil T. auch gerne mit offenem Mund im Unterricht träumen, also „hinterm Pfeiler sitzen“, wie es mancher Lehrer auch in gänzlich säulenfreien Klassenräumen gerne ausdrückte, ist ihnen nicht zu trauen. T. sind auch Brillenverbummler und Zahnspangenverlierer, also meist sympathische, aber bemitleidenswerte Geschöpfe. Ständig müssen sie Ermahnungen über sich ergehen lassen: Wenn du als Kind immer deinen Turnbeutel vergisst, dann wirst du als erwachsener auch die eigene Hochzeit, das Bewerbungsgespräch und den Antrag auf Stütze verschlafen. Das wird den Turnbeutelvergessern schon frühzeitig eingebläut.

Später bleibt ihnen dann nur noch die Alternative zwischen buddhistischem Kloster (eher unüblich) und einem künstlerischen oder geisteswissenschaftlichen Studium (sehr verbreitet). Da werden dann Notebookvergesser und Prüfungsverpasser aus ihnen. Mit offenem Mund grübeln sie in den Seminaren darüber nach, wie man sie damals immer genannt hat. Irgendetwas wie Sporttasche, aber sie haben es schon wieder vergessen. Macht nichts, denn der Turnbeutel ist mittlerweile ebenso ausgestorben wie der Schulranzen.

Quelle: Lexikon der bedrohten Wörter | Bodo Mrozek


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